Donnerstag

An einem Donnerstag Nachmittag, dunkle Wolken hingen unheilvoll über der Stadt, griff er sich noch schnell einen Regenschirm bevor er sich aufmachte durch die schwere Haustür ins Freie zu treten. In Gedanken war er weit weg und träumte von einem perfekten Südseestrand, so wie man das in den Prospekten der Reiseanbieter findet. Heller Sand, bis ans Wasser reichende Palmen mit vielen jungen Menschen im und am Wasser. Dieses Blau das immer tiefer wird, je weiter der Blick sich vom smaragdgrünen Wasser direkt am Strand entfernt, welches fast Nahtlos in das Blau des strahlenden Himmels übergeht. Die wohlige wärme der Sonne ist fast spürbar auf seiner Haut so wie er ein feine Hauch des Tiedengeruchs meint wahrzunehmen.

Und doch, da gibt es leider keinen Zweifel, ist er wie jeden Donnerstag auf dem Weg zu dem kleinen Laden an der Ecke der übernächsten Straße. Dieser Gang, denn er nun schon seit so vielen Jahren geht, erweckt in ihm eine solche Freude und zugleich kennt er keine größere Frustration wie diesen wöchentlichen Gang. Woche für Woche beherrscht ihn diese Fantasie der Wärme, Ruhe und des Genusses. Ja er empfindet diesen Gedanken auch als einen großen Frieden mit sich selbst.

Langsam zieht ein kräftiger werde der Wind auf, und man muss keine Hellseher sein um zu wissen, dass es in kürzester Zeit fürchterlich regnen wird.

Bis er den Laden erreicht hat, wird der Wind wohl noch stärker werden, um dann eine kurze Pause einzulegen. Spätestens nach dem Verlassen des Ladens, auf dem Weg nach Hause wird er kommen der Regen, wieder gepaart mit starkem Wind. Da spielt es auch keine große Rolle ob er noch ein paar Zeitschriften durchblättert oder sofort seinen Schein ausfüllt. Er wird als begossener Pudel daheim ankommen. Aber was macht das schon.

Niemand wird ihn deswegen schelten oder daran erinnern sich schnell umzuziehen damit er sich nicht erkältet. Schon seit vielen Jahren ist da nämlich niemand bei ihm zu Hause, wenn er durch die schwere Haustür nach draußen tritt, bleibt die Wohnung leer.

Nein darüber will er sich jetzt aber keine Gedanken machen, das einzige was in diesem Moment ihn noch mehr beschäftigt wie seine Südseeträume ist der Gedanke an die richtigen Zahlen.

Ja, diese Woche, da muss er einfach die richtigen Zahlen tippen, schließlich muss er doch einmal in seinem so bedeutungslosem Leben einen Hauptgewinn erreichen.

Mit großen Erwartungen und einem beschleunigtem Herzschlag betritt er dieses kleine Geschäft. Seit so vielen Jahren ist es nun schon jeden Donnerstag so, dass er seinen Schein hier ausfüllt und bezahlt. Sie kennen sich inzwischen gut. Der Laden wird von einem sehr freundlichem Ehepaar betrieben, mal ist sie im Laden mal er, so lassen sich auch andere Aufgaben bequem für das Paar erledigen. Sie müssten so um die 40 bis 50 sein. Soviel er weiß haben sie einen Sohn und eine Tochter, die aber beide nicht mehr zu Hause wohnen. Früher als die Kinder noch kleiner waren, hat er sie ab und zu im Laden gesehen, aber das kam selten vor. Meistens war Herr Wiegert damals alleine im Laden, während seine Frau zu Hause die Kinder versorgte.

Kinder hätte er auch gerne gehabt, aber dazu ist es leider nie gekommen, aber das ist nun nicht mehr zu ändern. Mit seinen rund 50 Jahren den immer dünner werdenden Haaren und den gut 20 Kilo zu viel auf der Hüfte, wird es ihm wohl kaum vergönnt sein, noch eine junge Frau im gebärfähigen Alter kennen zu lernen.

Er hatte ein ganze Reihe Frauen, damals als er noch jünger war und so viele Ideen wie sein Leben aussehen sollte. Da war er ein echter Träumer und Draufgänger. Es gab einfach nichts, was er sich nicht vorstellen konnte zu werden. Da gab es zum Beispiel die Zeit als er Fotograf werden wollte. Er hat sogar eine Ausbildung gemacht. Und Fotografen standen gar nicht so schlecht im Kurs der Damenwelt. Eröffneten sie doch die Hoffnung auf eine Modellkarriere oder wenigstens das Gefühl es mit einem hoch kreativem Menschen zu tun zu haben, der Anerkennung findet und viel von dieser Welt sehen wird. Ja damals gab es ein paar wirklich attraktive Frauen in seinem Leben. Als dann aber das warten auf die Kreativität länger dauerte und vor allem die Anerkennung eingetauscht wurde gegen Volkshochschulkurse, das bereisen der Welt sich auf Fototermine in Schulen und Kindergärten reduzierte waren sie weg, diese göttlichen Geschöpfe mit ihren schlanken Beinen und biegsamen Körpern. Unter uns, von all den tollen Frauen hatte er auch nur diese eine kleine im Bett gehabt. Sie war nett, nein hübsch war sie. Nicht wirklich der Modelltyp aber er mochte sie wirklich, doch er war ihr wohl zu langweilig auf die Dauer und nach ein paar schönen gemeinsamen Monaten war sie eines Morgens nicht mehr da und kam auch nie wieder.

Er hat sich viele Gedanken darüber gemacht, was der beste Weg ist die richtigen Zahlen zu tippen. Eine Zeitlang hat er konsequent immer die selben sechs Zahlen angekreuzt und darauf geachtet immer die gleiche Zusatzzahl zu haben. Die drei war schon immer irgendwie besonders für ihn, nur mit einem dreier hat es nie geklappt. Aber dieses System hat ihn über so viele Jahre nicht zum Ziel gebracht, dass er dazu überging, das ganze deutlich wissenschaftlicher anzugehen. Da hat er sich die alten Ergebnisse rausgesucht und recherchiert welche Zahlen am häufigsten gezogen wurden und welches die erfolgreichsten Zahlenkombinationen waren. So hat er weitere Jahre gespielt. Immer wieder jeden Donnerstag ist er hier her gekommen mit diesem flauen Gefühl im Bauch, dass sich nun sein Leben von Grund auf ändern wird.

Hat es leider bis heute nicht. Die letzten Jahre hat er sich ergeben in eine gewisse Resignation. Nicht das er aufgehört hätte an seinen Traum zu glauben oder gar zu spielen. Nein, nur hat er eingesehen dass es eigentlich völlig egal ist welche Zahlen er tippt, die Chancen stehen auf jeden Fall gegen ihn und so kreuzt er heute immer irgendwelche Zahlen an, und die Zusatzzahl, ach ja darüber macht er sich schon lange keine Gedanken mehr.


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